Freitag, 30. Oktober 2015

St. Adalbert - Berlin-Mitte

Heute kaum noch vorstellbar... 
...damals lebten in Berlin Mitte viele einfache Leute. Auch unweit der Linienstraße und Elsässer Straße (heute Torstraße) war dies so. Die Katholische Gemeinde, die Kuratus Velten versammelte, bestand großteils aus Arbeitern und einfachen Angestellten. Pastoraler Bedarf war groß, Eigenmittel eher nicht. 
Hier trat der Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlins ein, dieser Zusammenschluss der Berliner Stadtpfarreien, gegründet um die Kirchensteuern zu organisieren und zu verteilen, war um 1930 einer der Motoren bei der Neubildung von Seelsorgebezirken und der damit verbundenen Entlastung der Großgemeinden, wie St. Hedwig oder Herz Jesu in der Fehrbelliner Straße, der Muttergemeinde, aus der eine neue Kuratie mit Kirche entstand.

Q: Pfarrarchiv St. Adalbert

Der Architekt der neuen Kirche, Clemens Holzmeister, ist eine der großen Gestalten im katholischen Kirchenbau des deutschsprachigen Raumes. Dank seiner Tätigkeit als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf zwischen 1928 und 33 hat er auch Spuren in Deutschland hinterlassen. In Berlin u.a. die 1943 zerstörte Neugestaltung der St. Hedwigskirche im Rahmen der Nutzung als Kathedrale.


Grundriss
Q: Pfarrarchiv St. Adalbert, Detail aus Sonderdruck der DBZ 1934


Vor 1939 hatte Holzmeister 12 Kirchen in Deutschland gebaut oder erneuert. Viele von Ihnen wurden durch den Krieg zerstört und sind vereinfacht wieder aufgebaut worden. Lediglich die Kirche St. Marien in Hamburg Blankenese und die St.-Adalbert-Kirche in Berlin haben im Wesentlichen den Krieg überdauert. Dabei ist St. Adalbert der einzige Holzmeisterbau dessen Innenraum einen authentischen Eindruck der 1930er Jahre und damit dem Ringen um liturgische Erneuerung bietet. Selbst der in den 1990er Jahren hinzugefügte Volksaltar geht auf einen Entwurf  Clemens Holzmeisters zurück.

Die einzige Außenansicht, die man auf die Kirche bekommen kann, ist ein Blick auf die in die Straßenflucht eingebaute Chorseite in der heutigen Linienstraße. Hier gelingt Holzmeister mit dem lokalen Baustoff, dem Backstein, eine markante Fassade. 

Blick aus der Linienstraße zur Chorwand hin, rechts (Schriftzug) Mietshaus der Gemeinde mit Sakristei und Nebeneingang
Foto: K. Manthey, 2014
Betritt man diese Berliner Hinterhofkirche durch das Hauptportal kommt man auf den, unter der Empore befindlichen Vorraum (ein Bauteil der zuvor auf dem Grundstück befindlichen Fabrik). 
Links im Eingangsbereich befindet sich eine Marienkapelle deren erhaltene Gestaltung ein geschlossene Ensemble der Erbaungszeit ist (bis auf den Taufstein). Begeht man nun den Hauptkirchenraum befindet man sich in einer Saalkirche, deren Gliederung aufgrund der Struktur des Chorraumes, der Emporengliederung und der drei Türen unterm Nartex eine Dreiteiligkeit erfährt. Dabei ist auffallend, dass die Choranlage nicht mittig axial angelegt ist. Wohl wegen des Aufgangs zum Glockenträger.

Blick in den Innenraum
Foto: K. Manthey, 2014

Der Hochaltar und damit der Kernbereich ist erhalten geblieben. Auch wenn einige Zutaten weggenommen wurden. Die vier Heiligen: Sebastian, Adalbert, Petrus und Hedwig, welche zu je zweien das Mittelsegment des Chorabschlusses flankieren und die sechs Kreuzförmigen Bilder der Sakramente (das 7. findet sich im Tabernakelschrein) stammen von Egbert Lammers.

Eine Kuriosität des Altarraumes ist das Kreuz welches der Schauspieler Luis Trenker, ein Freund Clemens Holzmeisters, der Kirche vermachte, nachdem es als Requisit in einem seiner Filme gedient hatte. Dieses hängt nun links beim Sakristeieingang.

Altarraum zur Einweihung
Q: Pfarrarchiv St. Adalbert, Detail aus Sonderdruck der DBZ 1934
Die Kirche wurde am 22.4.1934 geweiht. Clemens Holzmeister arbeitete in diesen Jahren (1930-1934) anscheinend eng mit Carl Kühn zusammen. Derzeit versuche ich mehr über das Verhältnis beider Architekten herauszufinden.

Unscheinbar in der boomenden Touristenmeile am Rosenthaler Platz in der Mitte Berlins, findet sich auf einem Hinterhof - bis heute - ein Kleinod der Kirchenbaukunst.

Weiteres:
Link zu Fenstern von Egbert Lammers (intern)
Weiterleitung zur Seite des Projektes St. Adalbert (extern)

Sonntag, 18. Oktober 2015

Landpartie VI: St. Josef in Jeserig (Brandenburg)

Vor vierzehn Tagen waren wir zu einem Familientreffen in Brandenburg unterwegs.
Dabei trafen wir uns zur Messe in St. Josef Jeserig. Einer Kirche von Felix Hinssen, dem zweiten Berliner Diözesanbaurat.

Bereits vor dem 2. Weltkrieg bemühte man sich um einen Gottesdienstort zwischen Werder und Brandenburg a.d. Havel. So wurde Gottesdienst in Schenkenberg eingerichtet. Dort war wohl auch eine Kirche geplant. Zu Jeserig schreibt die Chronik:
"Die Bauzeichnungen wurden von Diözesanbaurat Felix Hinssen und dem Brandenburger Architekten Conrad Puchalla angefertigt. Die Ausführung hatte die Baufirma Liere aus Groß Kreutz übernommen. Die Grundsteinlegung erfolgte am 8. Mai 1952. Trotz großer Schwierigkeiten Baumaterial zu beschaffen, konnte Bischof Weskamm die Kirche am 11. Juli 1953 weihen. Pater Georg Smelz wurde Ortsgeistlicher." (Chronik 150 Jahre Hl. Dreifaltigkeit, Brandenburg a.d. H., unter: http://www.hl-dreifaltigkeit.de/chronik/fs_10.htm, Zugriff: 18.10.2015)

St. Josef, alte Grundstückseinteilung, vermtl. bauzeitlich
Q: http://www.hl-dreifaltigkeit.de/chronik/images/037g.jpg
Es entstand eine Kirche mit wehrhaften, Westriegel als Turm. Innen einschiffig, eine Gruppe von kleinen Rundbogenfenstern beleuchtet den Altarraum von links. Rechts sind die Sakristei und weitere Räume angebaut.

Blick zum Altar
Foto: K. Manthey, 2015

Die gut 500 Katholiken erhielten nun eine eigene Kirche, die vor allem aus Bruchsteinen aus Berlin, welche Havelkähne abluden, gebaut wurde. Seit 1965 sind Jeserig und Lehnin eine gemeinsame Gemeinde. Ab 1983 betreut der Pfarrer der Muttergemeinde in Brandenburg wieder die Katholiken im Osten seiner Pfarrei.

Blick zur Empore
Foto: K. Manthey, 2015
Neben der architektonisch klar gegliederten Emporenwand und den kleinen Fenstern links im Altarraum, die klar die neuromanische Linie unterstreichen, die Hinssen diesem Bau gab, fasziniert mich der Korpus am Kreuz an der Altarwand. Sein Künstler ist mir bisher nicht bekannt. Stilistisch passt es gut in die Bauzeit.

Detail vom Kreuz
Foto: K. Manthey, 2015

Jeserig ist immer eine Reise wert. Doch es gibt hier nur am 1. und 3. Sonntag im Monat um 10 Uhr die Messe (ansonsten in Lehnin).

weiteres zu Hinssen (Blogintern)
Chronikeintrag zu St. Josef (extern)



Die vorherigen Landpartien:

Landpartie V: Gützkow (Vorpommern)
Landpartie IV: Viereck (Vorpommern)
Landpartie III: Blumenthal (Vorpommern)
Landpartie II: Hoppenwalde (Vorpommern)
Landpartie I: Niesky (Oberlausitz)

Sonntag, 11. Oktober 2015

St. Nirgendwo, Ausstellung bis 22.11.2015

Eine gelungene Ausstellung, zu zerstörten und aus dem Stadtbild verschwundenen Kirchen in Berlins Mitte, ist derzeit in der St. Thomas Kirche in Kreuzberg am Mariannenplatz zu sehen.

Blick in einen Teil der Ausstellung
Foto: K. Manthey, 2015
Eine Arbeitsgruppe „Verlorene Gotteshäuser in der Berliner Mitte“ beim Bürgerverein Luisenstadt e.V. mit vielen bekannten Mitwirkenden, hat diese Ausstellung erarbeitet. Neben den Eckdaten und Hintergründen zu den Gebäuden gibt es auch viele Abbildungen sowie Zeichnungen von Ludwig Krause, welche den historischen Bau in der heutigen Umgebung skizzieren.

Ausschnitt einer Bildtafel mit einer perspektivischen Zeichnung der St. Andreaskirche im Friedrichshain,
gut zu erkennen ist der heutige Ostbahnhof. Zeichnung von Dr. Ludwig Krause
Foto: K. Manthey, 2015
Neben all den vielen interessanten Informationen ist für mich die Thomaskirche immer wieder ein Besuch wert. Wie aus einer anderen Zeit steht sie mitten im Kiez, diese, bis 1869 fertiggestellte, Kirche von Friedrich Adler, einem bekannten preußischen Baumeister und Schüler Schinkels. Besonders ist auch der gebliebene Eindruck des Wiederaufbaus (bis 1963) von Retzlaff.

Blick in die St. Thomaskirche, eine der größten Kirchen der Stadt.
Q: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/bilderpool/fullfile1978.jpg
Leider kommen katholische Institutionen nicht vor, dies mag daran liegen, dass in dem dargestellten Gebiet, nur zwei katholische Gotteshäuser nach dem Krieg verschwunden sind, St. Franziskus Xaverius nahe dem Alexanderplatz, eine Kapelle von Hürth aus Aachen von 1907 und die Kirche im Dominikanerkrankenhaus in der Karlstr. 30 (heute: Reinhardtstr.) von Pickel aus Düsseldorf 1909/10.
Wobei die letzte aufgrund von Schäden durch den U-Bahn-Bau bereits vor dem Krieg abgetragen werden musste und die Gemeinde St. Adalbert in der Torstraße zugeschlagen wurde.

Das Krankenhaus der Arenberger Dominkanerinnen in der Karlstraße,
der linke Gebäudeteil (mit Dachreiterturm) verbarg die Kirche,
heute befindet sich in dem Haus die Bundeszentrale der FDP
Q: Schubert, Das Bistum Berlin, 1932, S. 109.
Weitere Häuser waren caritative Einrichtungen mit öffentlichen Kapellen, wie das Salvator- und Christkönighaus in Friedrichshain, zum Beispiel. Alle vier prägten das Stadtbild sicherlich nicht so, wie die evangelischen Großkirchen des 19. Jahrhunderts.

Altarbild in der Kapelle des Christkönighauses des Johannesbundes in der Petersburger Str. 77
Q: Der Feuerreiter, 1933, Nr. 43, 28.10.1933
Der Hauptgrund für die allgemein fehlende Aufarbeitung ist jedoch die kaum vorhandene Überlieferung zu diesen, meist kleinen, Orten katholischen Lebens. Dank der wunderbaren Idee der Arbeitsgruppe, sollte nun weiterhin dieser Teil der katholischen Stadtgeschichte erforscht werden.

DATEN ZUR AUSSTELLUNG

St. Nirgendwo!
Verlorene Gotteshäuser in der Berliner Mitte
Ausstellung in der St.-Thomas-Kirche am Mariannenplatz
10997 Berlin Kreuzberg

Termin: So 13. September bis So 22. November 2015

Öffnungszeiten:
Montag - Freitag 11 - 14 Uhr
Samstag 11 - 16 Uhr

Finissage: Sonntag, 22.11.2015, 15 Uhr



Infoseite zur Ausstellung
Direkter Link zum Flyer der Ausstellung

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Vortrag am 13.10.2015 um 19:30 Uhr

Am 13. Oktober 2015, darf ich wieder beim Diözesangeschichtsverein sprechen, das Thema lautet:

Der Umbau der Berliner St. Hedwigskirche zur Kathedrale 1931/32

Grundriss der durch Holzmeister/ Kühn umgebauten Hedwig-Kirche
Q: DBZ 66 1932,  S. 746


Zeit und Ort des Vortrags:
19.30 Uhr, Pfarrsaal der Gemeinde Hl. Familie in Berlin– Prenzlauer Berg, 
Wichertstraße 22 (Nähe S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee)